In diesem klassischen Märchen der Gebrüder Grimm ist eine magische Kristallkugel Quell der Kräfte des Zauberers – um ihn zu besiegen, muss der junge Held die Kugel in einer schwierigen Odysee bergen und dabei sowohl Mut als auch List beweisen.
Eine Zauberin hatte drei Söhne, und als diese nach und nach heranwuchsen, begann sie zu fürchten, sie könnten sie an Zauberkunst übertreffen, indem sie ihre Geheimnisse stahlen. Als sie glaubte, ihr erster Sohn sei jetzt alt genug, um ihr gefährlich zu werden, verwandelte sie ihn in einen Adler und schickte ihn hinaus, um tagein, tagaus am Himmel zu kreisen. Er baute sich ein Nest auf der Höhe eines Berges und lebte so, wie Adler leben. Doch einmal am Tag nahm er für zwei Stunden wieder seine frühere Gestalt an und erkannte, was ihm widerfahren war, und grämte sich darüber. Er war jedoch zu weit von zu Hause weg, um etwas unternehmen zu können.
Als sie dachte, nunmehr sei der zweite Sohn alt genug, sie zu übertreffen, verwandelte sie ihn in einen Wal, und er schwamm durch das große Meer und schrie mit der Stimme eines Wales nach den anderen Walen, die weit, weit von seiner Heimat entfernt die wilde See durchstreiften. Auch er durfte täglich zwei Stunden lang seine menschliche Gestalt annehmen; doch er war seinem Zuhause so fern, daß er nichts unternehmen konnte.
Als die Zauberin sich in ihrer geheimen Kammer befand und überlegte, ob sie ihren dritten und jüngsten Sohn in einen Wolf oder in einen Bären verwandeln sollte, schlüpfte er aus dem Haus und floh, damit ihm nicht widerfahre, was seinen Brüdern geschehen war. Auf seiner Wanderung hörte er von einer Prinzessin, die von einem Zauberer auf dem Schloß der goldenen Sonne gefangengehalten wurde, und er beschloß, sie zu befreien. Man warnte ihn vor der schwierigen und gefährlichen Aufgabe. Schon 23 junge Männer hatten sich daran versucht, und alle hatten ihr Leben verloren. Nur noch ein Versuch war gestattet – danach konnte die Prinzessin nie mehr gerettet werden. Aber er ließ sich durch nichts abhalten. Er war sicher, Erfolg zu haben, wo andere versagt hatten.
Das erste Problem, dem er gegenüberstand, war, daß er das Schloß der goldenen Sonne nicht finden konnte. Er wanderte in alle Himmelsrichtungen und folgte vielen verschiedenen Ratschlägen; dennoch schien er seinem Ziel nicht näher zu kommen. Eines Tages verirrte er sich in einem tiefen, dunklen Wald, und es war, als ob er nie dessen Ende erreichen könnte, so viele Wege er auch einschlug. Als er der Verzweiflung nahe war, traf er auf einer Lichtung zwei Riesen, die sich um einen Hut zankten. Sie baten ihn, Schiedsrichter in ihrem Streit zu sein.
“Es ist töricht, wegen eines Hutes zu streiten!” sagte er.
“Aber das ist nicht irgendein Hut”, sagten sie. “Es ist ein Wunschhut. Wer ihn aufsetzt, kann sich an jeden beliebigen Ort der Welt wünschen und ist augenblicklich dort.”
“Ich weiß, was zu tun ist”, sagte er. “Gebt mir den Hut, und ich gehe meiner Wege. Wenn ich euch rufe, lauft ihr rasch zu mir, und der erste, der bei mir ist, bekommt den Hut.”
Sie willigten ein; denn obwohl sie so riesig waren, hatten sie nicht viel Verstand.
Der junge Mann setzte den Hut auf und ging fort.
Während er so dahinschritt, wünschte er sich, er könne das Schloß der goldenen Sonne finden, und unverzüglich stand er auf einem hohen Berg am Schloßtor.
Er schritt durch das Tor und hielt Ausschau nach der Prinzessin. Ein Zimmer nach dem anderen erwies sich als leer; doch im allerletzten Raum fand er sie.
Sie war nicht jung und schön, wie er erwartet hatte, sondern verschrumpelt, dunkel und häßlich. Er konnte einen Aufschrei der Überraschung nicht unterdrücken, und als sie seine Enttäuschung sah, erklärte sie ihm, was er zu sehen glaube, sei eine Illusion.
“Betrachte mein Bild in diesem Spiegel”, sagte sie. “Der Spiegel kann nicht betrogen werden. Du wirst mich darin so sehen, wie ich wirklich bin.”
Er nahm den Spiegel und betrachtete ihr Bild darin. Da sah er sie so schön, wie sie in Wirklichkeit war, und er sah die Tränen in ihren Augen.
“Wie kann ich dir helfen?” fragte er.
“Es ist gefährlich”, sagte sie.
“Mich schreckt keine Gefahr”, erwiderte er.
“Es gibt eine Kristallkugel”, sagte sie. “Und nur wer alle Gefahren bezwingt, von denen sie umgeben ist, kann sie erringen. Wenn der Zauberer sie sieht, ist seine Macht gebrochen, und der Bann, der mich gefangenhält, ist gelöst.”
“Ich werde sie finden. Ich werde sie zu eigen nehmen”, sagte der junge Mann zuversichtlich.
“Viele Männer haben es versucht und sind dabei umgekommen.”
“Kein Mann hat sich so sehr bemüht wie ich”, rief er leidenschaftlich. ” Sag mir, was ich zu tun habe, damit ich sogleich beginnen kann.”
“Am Fuße dieses Berges”, erzählte ihm die Prinzessin, “findest du einen wilden Stier an einer Quelle. Du mußt gegen ihn kämpfen, und wenn du ihn tötest, wird ein Vogel aus Feuer seinem Leib entfliehen. Der Vogel trägt in seinem Körper ein rotglühendes Ei, und der Dotter dieses Eies ist die Kristallkugel. Der Vogel will das Ei nicht verlieren, und er wird alles in seiner Macht stehende tun, es zu behalten. Wenn du ihn aber dazu bringst, es fallen zu lassen, mußt du gut aufpassen; denn wenn es auf die Erde fällt, wird es einen Brand entzünden, der das Ei und den Dotter zum Schmelzen bringt. Dann bleibt dir nichts mehr, und ich habe meine letzte Hoffnung verloren, wieder ich selbst zu werden.”
“Ich werde achtgeben”, versprach der junge Mann.
Am Fuße des Berges fand er den wilden, furchterregenden Stier, der mit den Hufen den Boden neben einer Quelle aufwühlte, schnaubend und brüllend. Der junge Mann zog sein Schwert und stellte sich zum Kampfe. Mit List und Geschick versuchte er immer wieder, das Tier zu treffen, und oft spürte er seinen heißen Atem auf der Haut und glaubte sich dem Tode nahe. Aber zuletzt versetzte er dein Stier den tödlichen Stoß, und das Tier fiel zu Boden. Als es seinen letzten Atemzug tat, flog ein Vogel aus seinem Mund, so strahlend und heiß wie die Sonne, und er zog lange Feuerschwaden hinter sich her.
Der junge Mann sprang hoch und versuchte, den Vogel zu fangen; doch es gelang ihm nicht.
Plötzlich stieß ein Adler vom hohen blauen Himmel herab und verfolgte den Vogel. Er schnappte mit dem Schnabel nach ihm und bedrängte ihn mit seinen Krallen. Schließlich mußte der Feuervogel sein Ei fallen lassen. Das Ei fiel auf die Hütte eines Fischers am Ufer des Meeres. Die Hütte fing sofort Feuer; aber bevor das Ei und der Dotter schmelzen konnten, schob ein Wal seinen massigen Leib nahe ans Ufer, worauf eine gewaltige Welle über die brennende Hütte hereinbrach und die Flammen erstickte.
Der junge Mann eilte hinzu und durchsuchte die Asche. Dort fand er das zerbrochene Ei und in seinem Inneren die unversehrte Kristallkugel. Sofort nahm er sie an sich und trat dem Zauberer gegenüber.
Als der Zauberer in die Kristallkugel blickte, merkte er, daß seine magischen Kräfte ihn verlassen hatten. Seufzend erklärte er dem jungen Mann, er sei jetzt König im Schloß der goldenen Sonne und die Prinzessin sei frei. Auch der Bruder, der ein Adler gewesen war, und der Bruder, der ein Wal gewesen war, waren frei.
Jubelnd eilte der junge Mann zur Prinzessin, und sie war so schön, wie er sie im Spiegel gesehen hatte.
Und kurzerhand tauschten sie Ringe.
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